Navigieren / suchen

Individualisierung der betrieblichen Ausbildung

Individuelle Ausbildung Buschbacher

Rahmenlehrpläne, die als Grundlage für die unterschiedlichen Ausbildungsberufe entwickelt wurden, sind für die meisten Betriebe eine sehr gute Hilfestellung um die Ausbildung vor Ort in den Unternehmen zu planen und zu organisieren. Viele Ausbildungsunternehmen haben auf Grund der Rahmenlehrpläne sogenannte Durchlaufpläne entwickelt- wobei meistens zwischen Muss- und Kann-Ausbildungsabteilungen unterschieden wird.

Angereichert werden diese Durchlaufpläne in der Regel durch innerbetriebliche Unterrichte oder überbetriebliche Ausbildungsinhalte bei Weiterbildungsanbietern oder fremden Unternehmen, welche die Inhalte vermitteln, die das Unternehmen nicht selbst darstellen kann.
Das geschilderte Vorgehen hat seine Berechtigung, weil man mit solch einem System gewisse Mengen an Auszubildende und dualen Studenten durch die Ausbildung schleusen kann und der Lehrauftrag im Sinn der Rahmenlehrpläne gerecht wird.
Da Lernen im Grund allerdings immer etwas sehr Persönliches ist, jeder auf unterschiedliche Art und Weise lernt und entsprechen Zeit dafür benötigt, ist es an der Zeit, intensiv über eine individualisierte Ausbildung zu diskutieren und die Weichen heute schon dafür zu stellen. Ausbildungsgänge sind heute ein Fließbandprodukt und die verantwortlichen Ausbilder und Ausbildungsleiter waren erfolgreich, wenn die Auszubildenden und die dualen Studenten die Prüfungen bestanden haben und noch der ein oder andere IHK-Preis gewonnen wurde.

Zeitalter der individualisierten Bildung!

Selbst konfigurierte Turnschuhe, personalisierte Fahrzeuge, individuelle Software auf dem Smartphone, einzigartige Profile auf Xing, LinkedIn, Facebook oder Instagram – das Thema „Individualisierung“ hat längst in allen Bereichen unseres Lebens Platz gefunden – nur die Bildung und die Ausbildung hinken noch hinterher.
Lerninseln, Azubifilialen, Lerngruppen, die mit Tablet-PCs ausgestattet sind, sind zaghafte Ideen um den einzelnen Lerner das Gefühl von Individualisierung zu geben. Das Lernen und die Ausbildung haben sich dadurch noch nicht wirklich weiterentwickelt. Immer noch haben alle die gleichen Aufgaben, den selben Kurs zu besuchen und das gleiche für die nächste Klassenarbeit oder Lernerfolgskontrolle zu lernen. Individualisierte Ausbildung sieht anders aus! Warum gehen wir nicht auf die momentanen Fähigkeiten oder Vorlieben ein und fördern so ganz individuell zum Wohle unserer Lerner? Die Ausbildung, in der jeder mit demselben Tempo lernt und alle zur gleichen Zeit den selben Stoff lernen müssen, ist, wenn wir es richtig betrachten, an den Interessen der Kammern und nicht an den Bedürfnissen der Auszubilden und Studenten ausgerichtet.

Sichtweise

Betrachten wir unsere Azubis, die in einer hochindividuellen Welt aufwachwachsen, dann wird uns schnell einleuchten, warum die Motivation oft zu wünschen lässt und kein richtiger Spaß und keine Freude aufkommen will. Die Ausbildungssysteme, die wir derzeit anbieten, richten sich an durchschnittlich begabte Menschen aus. Diejenigen, die schwächer sind als der Durchschnitt, aber auch die Überflieger, werden kaum berücksichtigt und so wundert es kaum, dass die Zahl der Ausbildungs- und Studienabbrecher rasant steigt und die Zahl der Frühauslerner in der Berufsausbildung kontinuierlich zunimmt. Zum zweiten Mal in Folge hatten im Jahr 2016 mehr junge Menschen nach der Schule ein Studium begonnen statt eine Berufsausbildung zu absolvieren. Das Ziel der Höherqualifizierung und damit der Wunsch nach einem selbstbestimmten und besseren Leben ist so hoch, dass das Image der Berufsausbildung massiv leidet.
Viele Ausbilder berichten mir, dass entweder richtig gute Auszubildende die Ausbildung beginnen und taff durchziehen oder aber jene eine Ausbildung beginnen, die sehr viel Förderbedarf haben. Die „Beständigen Berufsanfänger“ (Shell Studie 2015) werden tendenziell weniger und die Folgen liegen auf der Hand. Individualisierung, die Förderung von starken bzw. schwächeren Auszubildenden und dualen Studenten, wird wichtiger Punkt werden, der die Ausbildungsunternehmen in den nächsten Jahren sehr beschäftigen wird.

Maßgeschneiderte Ausbildung

Eine maßgeschneiderte, passgenaue Ausbildung ist möglich- auch wenn garantiert wieder jemand 100 Gründe findet, warum dies nicht gehen sollte. Wir können die Vermittlung von Wissen so individuell gestalten, dass sie zu Lerntyp, Lerntempo und den Fähigkeiten der Auszubildenden passt, wobei Lernen auch weiterhin mit Ausdauer, Anstrengung und Fokussierung zu tun haben wird. Nur wenn wir versuchen, die Einheitsausbildung in Frage zu stellen, können wir den Vorgang des Lernens im Unternehmen anpassen und an die wirklichen Bedürfnisse der Auszubildenden, Studenten aber auch an die Unternehmen anpassen.

Wie kann man vorgehen?

Derzeit begleite ich 2 größere Unternehmen auf dem Weg zur individuellen Ausbildung und es ist nicht einfach, gute Ideen zügig umzusetzen. Zu stark ist man als Ausbildungsleiter und Ausbilder in dem System gefangen, in dem man sich schon seit mehreren Jahren oder Jahrzenten bewegt und welches gute Ergebnisse im Sinne von guten Noten, Zeugnissen und Belobigungen hervorbringt. Zunächst muss man ein Bewusstsein für die nötige Veränderung schaffen. Einleuchtend ist für viele die Auseinandersetzung mit den Themen, wie die unterschiedlichen Generationen gelernt, gearbeitet und gelebt haben. Diesen Ergebnissen setzt man die Anforderungen der Unternehmen entgegen und merkt dann schnell, dass hier Handlungsbedarf besteht. Im weiteren Verlauf kann sich dann ein Projektteam mit digitalen Lösungen im Bildungsbereich beschäftigen und lernen, welche Feedback-Systeme es heute schon gibt und wie wir diese in den Ausbildungsalltag integrieren können, um individuelles Lehren und Lernen zu ermöglichen.

Ich sage heute schon eine radikal veränderte Ausbildung, aber auch ein verändertes Schulsystem voraus. Es wird noch einige Zeit dauern- aber die ersten Ausbildungsleiter und Ausbilder sind sensibilisiert und einige arbeiten bereits an diesen äußerst spannenden Fragen. Was halten Sie von einer individuellen Ausbildung? Gerne können Sie auch meine Liste mit den 100 Gründen, warum etwas nicht geht erweitern – ich freue mich auf jeden Fall über Ihre Rückmeldung: wirausbilder@kiehl.de

Hinterlasse einen Kommentar

Name*

E-Mail* (wird nicht veröffentlicht)

Webseite