Psychische Krisen bei Azubis frühzeitig erkennen (Teil 1 von 2)
Wie Ausbilder:innen Warnsignale wahrnehmen und angemessen reagieren
Häufige Fehlzeiten, plötzlicher Leistungsabfall oder sozialer Rückzug: Ausbilder:innen berichten immer öfter, dass Auszubildende an ihre (psychischen) Grenzen stoßen. Auch fällt es der einen oder anderen Nachwuchskraft selbst auf, dass mit ihr oder ihm etwas „nicht stimmt“. Die Daten der Krankenkassen bestätigen diese Tendenzen. Doch Ausbilder:innen sind keine Therapeuten. Aber wie gelingt nun der Spagat zwischen notwendiger Führung und empathischer Fürsorge im Ausbildungsalltag?

- Im ersten Teil erfährst Du, wie Du Veränderungen frühzeitig wahrnimmst und ein pragmatisches Frühwarnsystem etablierst.
- Im zweiten Teil erhältst Du konkrete Tipps für das Erstgespräch sowie praxiserprobte Werkzeuge und eine Checkliste zur Stärkung der Resilienz.
1. Wenn Belastungen im Ausbildungsalltag sichtbar werden
Montagmorgen im Unternehmen. Der Azubi im zweiten Lehrjahr wirkt blass, meidet den Blickkontakt und die Fehlerquote bei Standardaufgaben häuft sich seit Wochen. Auf Nachfrage kommt nur ein einsilbiges „Alles gut“. Ein Dual Studierender schreibt eine E-Mail, in der er sich ohne ärztliches Attest „bis auf weiteres“ krankmeldet. Eine Auszubildende möchte alles bis ins kleinste Detail wissen und verpasst den Moment, wo es „einfach mal genug ist“.
Viele Ausbilder:innen kennen diese Situationen. Was früher oft vorschnell als „mangelnde Motivation“, „Nichtwissen“ oder „Übereifer“ abgetan wurde, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen immer häufiger als psychische Überlastung.
Die Zahlen sprechen schon länger eine klare Sprache: Laut dem BARMER Arztreport* zu psychischen Störungen bei jungen Erwachsenen sowie Gesundheitsstudien der Techniker Krankenkasse* haben psychische Belastungen und entsprechende Diagnosen bei jungen Menschen in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen [*vgl. weiterführende Links am Ende des Beitrags]. Der Übergang von der Schule in die Strukturen des Berufslebens, geprägt von globalen Krisen und dem permanenten Druck der digitalen Dauerpräsenz, hinterlässt Spuren.
2. Dilemma der Ausbilder:innen: Wie damit umgehen? Aus welcher Rolle heraus agieren?
Für Ausbilder:innen sowie Betreuer:innen der Nachwuchskräfte entsteht daraus ein massiver Spagat. Einerseits müssen sie die Ausbildungsordnung einhalten und Leistungen einfordern. Andererseits stehen sie in einer Fürsorgepflicht. Die wichtigste Grundregel lautet hierbei: Ausbilder:innen sind und werden keine Therapeut:innen. Es ist weder ihre Aufgabe, Diagnosen zu stellen, noch tiefe psychologische Krisen zu lösen.
Ihre eigentliche Rolle ist die des „Aufmerksamen Navigators“. Es geht darum, Veränderungen wahrzunehmen, den Raum für ein vertrauensvolles Gespräch zu öffnen und im Bedarfsfall an die richtigen Fachstellen weiterzuleiten.
3. Ein Frühwarnsystem für das Unternehmen
Psychische Belastung kündigt sich fast immer an. Ausbilder:innen benötigen kein Psychologiestudium, sondern eine geschärfte Wahrnehmung für Verhaltensänderungen.
Ein pragmatisches Frühwarnsystem basiert auf drei Dimensionen:
- Die Leistungsebene: z.B. Konzentrationsstörungen; eine plötzlich sprunghaft ansteigende Fehlerquote bei Aufgaben, die vorher fehlerfrei liefen, oder das wiederholte Vergessen von Absprachen.
- Die Verhaltensebene: z.B. zunehmende Fehlzeiten (auffällig oft an Montagen oder Freitagen), permanentes Zuspätkommen oder ein extrem verringertes Energieniveau.
- Die soziale Ebene: z.B. isoliert sich eine zuvor integrierte Nachwuchskraft in den Pausen, reagiert übermäßig gereizt auf konstruktive Kritik oder wirkt empathielos.
All dies sind noch keine Anzeichen auf eine psychische Belastung, aber Gründe, um das Gespräch mit dem Azubi zu suchen, um – im besten Fall gemeinsam – eine Lösung zu finden und/ oder ggf. Hilfestellungen anzubieten.
4. Weiterführende Links
- Techniker Krankenkasse: Gesundheitsreport 2025 – Arbeitsunfähigkeiten
- Deutsches Ärzteblatt: Starke seelische Belastung unter jungen Menschen (29.04.2024)
- BARMER-Arztreport 2018: Junge Erwachsene vergleichsweise gesund, aber…. die Psyche leidet!
Autorinnen: Katja Jochim und Michaela Fuchs, InWork Akademie
Katja Jochim (M.Sc. Kommunikations- u. Betriebspsychologie & Mental Health Ersthelferin) und Michaela Fuchs (Systemische Beraterin & Expertin Teamprozesse/Resilienz), Inhaberinnen der InWork Akademie, sind seit mehr als 25 Jahren als Beraterinnen und Trainerinnen tätig, um Menschen in ihrer Entwicklung zu begleiten. Sie erleben täglich im Trainingsalltag, wie sich die Nachwuchskräfte Anforderungen verändern. Ohne Schema F, aber mit neurowissenschaftlich fundierter Expertise unterstützen sie Unternehmen dabei, die psychische Widerstandskraft von Auszubildenden, zu stärken und ein gesundes, zukunftsfähiges Ausbildungsumfeld zu schaffen. Kontakt und Impulse: www.inwork-akademie.de
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Passend zu diesem Beitrag:
- Teil 2: Psychische Krisen bei Azubis: Das richtige Gespräch führen – Praxisleitfäden und Resilienz-Werkzeuge für Ausbilder:innen
- Checkliste zu Teil 2: Richtig reagieren bei mentaler Belastung von Azubis
Weitere Tipps:
- „Irgendetwas stimmt nicht …“ – Psychische Auffälligkeiten bei Azubis
- Nein sagen lernen – warum diese Fähigkeit Azubis selbstsicher macht
- Stärken stärken: Wie Ausbilder:innen Azubis zu mehr Selbstvertrauen verhelfen
- Blogreihe „Nachhaltige Kompetenzentwicklung in der Ausbildung“ inkl. Arbeitshilfe für Ausbilder:innen und Checkliste für Azubis
- KOLUMNE: Kurz nachgedacht – Perspektiven auf den Ausbildungsalltag
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