Schwierige Gespräche in der Ausbildung souverän führen
Interview mit Dr. Svenja Roch: Klar kommunizieren, Konflikte früh lösen
Schwierige Gespräche gehören zum Ausbildungsalltag – werden aber oft so lange aufgeschoben, bis sie eskalieren. Konflikte, emotionale Reaktionen oder heikle Themen verunsichern viele Ausbilder:innen und kosten im Alltag viel Energie.
Dabei lassen sich auch herausfordernde Situationen souverän gestalten, wenn Gespräche gut vorbereitet sind, klare Strukturen vorhanden sind und die eigenen Grenzen bewusst wahrgenommen werden. Genau hier liegt ein großer Hebel für mehr Sicherheit, Klarheit und Wirksamkeit in der Ausbildungsarbeit.

Herausfordernde Gespräche entstehen häufig rund um Leistung und Verhalten – etwa bei Unpünktlichkeit, Fehlzeiten oder fehlender Lernbereitschaft. Auch Unsicherheiten zur Passung („Habe ich den richtigen Ausbildungsberuf gewählt?“), persönliche Belastungen oder Regelverstöße gehören typischerweise dazu. Ausbilder:innen sollten solche Themen frühzeitig ansprechen. Je konkreter Situationen beschrieben werden (statt allgemein zu bleiben), desto leichter wird das Gespräch für beide Seiten.
Viele Ausbilder:innen sind unsicher oder haben Angst vor Eskalation. Gleichzeitig besteht die Sorge, die Beziehung zum Auszubildenden zu gefährden. Dadurch wird das Gespräch häufig als belastend wahrgenommen – und eher vermieden. Während diese Lösung kurzfristig die angenehmere zu sein scheint, verschärft die Vermeidung jedoch langfristig Konflikte und kostet viel Zeit und Energie. Entscheidend ist: Nicht das Gespräch gefährdet die Beziehung – sondern das Ausweichen davor. Klarheit schafft langfristig Vertrauen.
Eine gute Vorbereitung beginnt mit Klarheit: Worum geht es konkret und was soll sich verändern? Wichtig ist es, konkrete Beobachtungen statt Interpretationen zu benennen und einen klaren Gesprächsablauf zu planen – von der Themeneinführung über das Einholen der Perspektive des Auszubildenden bis hin zu verbindlichen Vereinbarungen. Das gibt Sicherheit und hilft, im Gespräch fokussiert zu bleiben.
Emotionen sind ein zentraler Bestandteil schwieriger Gespräche und zeigen, dass Themen relevant sind. Sie äußern sich beispielsweise durch Tränen, Abwehr oder Provokation – aber auch bei Ausbilder:innen selbst in Form von Ärger oder Unsicherheit. Emotionen sollten wahrgenommen und benannt werden („Ich merke, dass dich das beschäftigt“) und das Gespräch zielorientiert zum Thema zurückgeführt werden („Mir ist wichtig, dass wir eine Lösung für das Problem finden.“). So werden Empathie und Klarheit verbunden.
Widerstand ist kein Störfaktor, sondern ein Hinweis darauf, dass etwas noch nicht geklärt ist. Wichtig ist, ruhig zu bleiben, Verständnis zu zeigen und gleichzeitig konsequent beim Thema zu bleiben. Der Fokus sollte auf Lösungen liegen – nicht auf Schuld. Statt in Gegenargumente einzusteigen, helfen offene Fragen („Was genau macht es für dich gerade schwierig?“).
Eigene Grenzen zeigen sich zum Beispiel bei fehlender fachlicher Expertise (z.B. bezogen auf psychische Belastungen oder medizinische Probleme wie Sucht) oder bei persönlicher Betroffenheit. Entscheidend ist, diese wahrzunehmen und anzuerkennen sowie bei Bedarf Unterstützung einzubeziehen. Das ist meist besser, als alles allein lösen zu wollen. Nach schwierigen Gesprächen sollte reflektiert werden: Was war gut machbar – und wo wäre Unterstützung hilfreich gewesen? So können sich Ausbilder:innen beim nächsten Gespräch noch besser vorbereiten.
Souveränität entsteht vor allem durch Selbststeuerung: eigene Emotionen wahrnehmen, bewusst Pausen einlegen, aktiv zuhören und sich auf das Ziel des Gesprächs konzentrieren. Eine klare Struktur unterstützt zusätzlich – sowohl Ausbilder:innen als auch Auszubildenden gibt sie Orientierung. In angespannten Momenten kann es helfen, bewusst langsamer zu sprechen, kurz innezuhalten und sich auf die zentralen Punkte zu fokussieren.
Je länger Gespräche hinausgezögert werden, desto schwieriger werden sie oft. Frühzeitig angesprochene Themen lassen sich leichter klären – und können die Beziehung sogar stärken. Denn gut geführte Gespräche zeigen: du bist mir wichtig und ich möchte dich darin unterstützen, erfolgreich zu sein. Ausbilder:innen können kleinere Alltagssituationen auch bewusst nutzen, um schwierige Gespräche zu üben und so Sicherheit aufzubauen.
Vielen Dank für das Interview!
Über die Interviewpartnerin:
Dr. Svenja Roch ist HR Managerin Learning and Development bei der freenet AG. In Bezug auf das Thema Ausbildung ist ihr die Förderung der Ausbilder:innen besonders wichtig. Statt ihnen starre Lösungen vorzugeben, steht für sie die Entwicklung von Haltung und Handlungsfähigkeit der Ausbilder:innen im Fokus.
Svenja wird am 17. September 2026 als Referentin beim wirAUSBILDER-Forum ihr Wissen an Ausbilder:innen weitergeben. Infos und Buchungsmöglichkeiten findest Du hier.

💡 Lesetipps der wirAUSBILDER-Redaktion
- Recruiting: Auszubildende gewinnen – Wie Du Jugendliche erreichst, begeisterst und langfristig bindest (Teil 1/2) – Interview mit Julian Gaszak
- Recruiting: Warum „wir machen schon alles“ nicht reicht und wie Du ein funktionierendes Recruiting-System aufbaust (Teil 2/2)
- Onboarding: Warum der Start viel früher beginnt als gedacht (Teil 1/2) – Interview mit David Scherf
- Onboarding: Fünf Skills, die in der Kickoff-Woche wirklich zählen (Teil 2/2)
- Ausbildung als strategischer Erfolgsfaktor im Unternehmen – Wie Ausbildung Unternehmen nachhaltig stärkt (Interview)
- Checkliste und System-Check: Recruiting in der Ausbildung ganzheitlich denken
- Checkliste: Onboarding-Checkliste für Ausbilder:innen – Klar durchstarten

Die Reihe wirAUSBILDER-Experten-Interviews bietet spannende Einblicke in aktuelle Ausbildungsthemen.
Wir unterhalten uns mit Ausbildungsexpert:innen, stellen konkrete Fragen und nehmen Tipps für Deine Ausbildungsarbeit mit!
Klick Dich durch – wir wünschen spannende Erkenntnisse!