Wenn Stress Lernen blockiert (Teil 2 von 2)
Wie ein starkes Nervensystem Sicherheit, Vertrauen und Entwicklung fördert
Im >> ersten Teil haben wir betrachtet, warum ein von außen zu beobachtendes Verhalten auf einer tieferen Ebene entsteht. Nun geht es um die praktische Frage: Was bedeutet dieses Wissen für den Ausbildungsalltag.

Dieser Beitrag zeigt, warum ein gut reguliertes Nervensystem eine wichtige Voraussetzung für Lernen, Selbststeuerung und Zusammenarbeit ist. Warum es wichtig ist, dass die jungen Menschen lernen, ihre innere Anspannung wahrzunehmen und dass sich dessen bewusst werden, dass sie frühzeitig Einfluss darauf nehmen können, bevor der Dauerstress im Körper in einen Erschöpfungszustand kippt.
Dieser Blog-Beitrag ist Teil einer zweiteiligen Serie zum Thema Nervensystem und Ausbildung. Den Link zum jeweils anderen Teil findest Du am Ende dieses Beitrags.
1. Wir können lernen die Reaktionen unseres Nervensystems zu verstehen
In meinem ersten Beitrag ging es darum, dass auffälliges Verhalten von Auszubildenden oft nur die sichtbare Ebene ist und dass darunter das Nervensystem eine wichtige Rolle spielt, die häufig nicht mitbedacht wird.
Doch was bedeutet das konkret für den Ausbildungsalltag und welche Aufgabe hat unser Nervensystem eigentlich?
Ein gut reguliertes Nervensystem ist nicht eines, das ständig entspannt ist. Es muss beides können: uns aktivieren, wenn Leistung, Aufmerksamkeit oder Handeln gefragt sind, und anschließend wieder in einen Zustand von Ruhe und Entspannung zurückfinden.
Anspannung ist also nicht das Problem. Sie gehört zum Leben und zur Ausbildung dazu.
Schwierig wird es, wenn die innere Belastung über längere Zeit hoch bleibt. Dann kann es zunehmend schwerer werden, nach einer stressigen Situation wieder in die Entspannung zurückzufinden. Der Körper bleibt länger in Bereitschaft, obwohl die konkrete Anforderung längst vorbei ist. Und dieser Zustand verbraucht unglaublich viel Energie, weil er mit einer hohen inneren Aktivierung einhergeht.
2. Genau das können junge Menschen lernen wahrzunehmen
- Wie fühlt sich Anspannung eigentlich in meinem Körper an?
- Woran merke ich, dass mein System in der Aktivierung hängen bleibt, obwohl die Situation schon vorbei ist?
Oft versuchen wir dann intuitiv, uns irgendwie zu entlasten. Wir greifen zum Handy, scrollen, schauen Serien oder Ähnliches. Das lenkt kurzfristig ab und fühlt sich gut an. Aber Ablenkung und Regulation sind nicht dasselbe.
Denn Stress findet nicht nur im Kopf statt. Er zeigt sich vor allem körperlich. Deshalb ist es wichtig, Regulation nicht nur über den Kopf zu versuchen, sondern den Körper mit einzubeziehen. Bewegung, Atmung, Wahrnehmung und Orientierung können dem Nervensystem dabei helfen, wieder aus hoher Aktivierung herauszufinden.
Oft reicht schon ein tiefes langes Ausatmen oder ein langsames bewusstes im Raum umschauen, um dem Nervensystem den körperlichen Impuls zu geben „hier ist alles in Ordnung“, worauf unser Kopf in einem Schutzzustand nämlich so gut wie keinen Einfluss mehr hat. Genau diese Impulsgebung trainiere ich mit Auszubildenden in meinen Workshops.
Der erste Schritt ist dabei immer das Verstehen: Was passiert gerade in mir?
Der zweite ist die Erfahrung: Ich kann darauf Einfluss nehmen.
Genau daraus kann mit der Zeit Selbststeuerung entstehen. Wir werden wieder flexibler. Denn wenn die innere Anspannung und das Gefühl ‚Ich schaffe das nicht mehr‘ über längere Zeit bestehen bleiben, kann es passieren, dass Auszubildende in einen Erschöpfungszustand kippen, häufiger fehlen und ein Ausbildungsabbruch irgendwann wie der einzige Ausweg erscheint.
Wenn unser System wieder mehr Sicherheit erlebt, dann verändert sich mit der Zeit auch unser Kontakt zu anderen. Wir können offener zuhören, bleiben eher im Gespräch und können Kritik besser aufnehmen, ohne sie sofort als Angriff zu erleben. Ein regulierterer Zustand schafft damit auch bessere Voraussetzungen für Zusammenarbeit und soziales Miteinander.
3. Fazit: Selbstregulation ist eine Zukunftskompetenz
Wenn wir die Funktionsweise des Nervensystems verstehen, entsteht ein neues Verständnis: Auszubildende verstehen sich selbst besser und sie verstehen was es bedeutet Selbstwirksam handeln zu können. Ausbildungsverantwortliche können hinter das nach außen sichtbare Verhalten ihrer Auszubildenden blicken, mehr Mitgefühl entwickeln und bestmöglich versuchen Druck aus einer Situation heraus zu nehmen. Dadurch entsteht ein neuer Raum des Vertrauens und der neuen Möglichkeiten.
Denn am Ende geht es darum, dass junge Menschen sich in ihrer Ausbildung wohlfühlen, sich etwas zutrauen, dass sie Freude an ihrer Ausbildung haben und sich entwickeln können. Ohne Sicherheit im Nervensystem ist dies leider schwer zu erreichen.
4. Du hast Teil 1 der Beitragsreihe verpasst?
Im ersten Beitrag dieser Reihe erfährst Du, weshalb das Nervensystem unser Verhalten stärker beeinflusst, als vielen bewusst ist, und warum auffälliges Verhalten von Auszubildenden oft nur die sichtbare Ebene eines tieferliegenden Prozesses darstellt. Wer das Verhalten seiner Auszubildenden besser verstehen möchte, findet dort den passenden Einstieg in das Thema.
Autorin: Silvia Freeborn, FREEBORN Nervensystemtraining
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Ergänzend:
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