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Junges Gemüse – ein nachhaltiges Azubi-StartUp

Eigenverantwortlich und selbstorganisiert arbeiten, Wertschätzung erfahren und sich an Zahlen messen lassen – das alles erleben Azubis der AGRAVIS Raiffeisen AG in der Zentrale in Münster und am Standort Hannover während ihrer Mitarbeit im Start-up „Junges Gemüse“. Wie das funktioniert, berichtet die Auszubildende Maike Munsch.

Die “Junges Gemüse”-Auszubildenden    ©AGRAVIS Raiffeisen AG

2017 entstand während eines Azubi-Projektes die Geschäftsidee, einen Acker an Münsteraner ohne eigenen Garten zu vermieten. Diese wurde durch den Vorstand unterstützt und von den Azubis aus dem zweiten Ausbildungsjahr umgesetzt: „Junges Gemüse“ startete als Azubi-Start-up der AGRAVIS Raiffeisen AG im Mai 2018 mit der ersten Gartensaison.

Unsere Motivation

Wir wollen Gemüse wieder wertschätzen. Bei uns soll die Regionalität im Vordergrund stehen. Jede:r sollte wissen, wo sein Gemüse herkommt. Mit wenigen Stunden Aufwand in der Woche sollen ‚Gartenlose‘ die Möglichkeit bekommen, ihr eigenes Gemüse anzubauen.

Das Start-up hat einen Acker am Stadtrand von Münster gepachtet, diesen in jeweils 45 m² und 30 m² große Parzellen geteilt, zum Teil vorbepflanzt und an interessierte Städter:innen vermietet. Dort können sie von etwa Mai bis Ende Oktober Gemüse für den Eigenbedarf anbauen. Marktumfragen haben ergeben, dass Regionalität und Frische in punkto Gemüse besonders wichtig sind. Und genau das bieten wir mit unseren Beeten: Regionales und saisonales Gemüse.

Ein weiterer Pluspunkt ist unsere Beratung: Wir bieten Kund:innen eine monatliche Gärtner-Sprechstunde mit unserem Pflanzenbau-Experten an, und stehen zudem per Telefon, E-Mail und Social Media für alle Fragen zur Verfügung und informieren über all das, was für eine erfolgreiche Gemüse-Saison benötigt wird. Zudem werden für die Pflege und Ernte die Gartengeräte und Gießwasser zur Verfügung gestellt.

Start-up in die Ausbildung integriert

Die Mitarbeit bei “Junges Gemüse” ist für das zweite Ausbildungsjahr bei Agravis verpflichtend und entsprechend im Ausbildungsplan vermerkt. Dadurch ist es in die Ausbildungszeit eingeplant und die Abteilungen wissen, dass diese Azubis dafür zeitliche Freiräume benötigen.

©Agravis Raiffeisen AG

Die Auszubildenden aus dem zweiten Lehrjahr fangen im November an und bereiten die neue Saison vor. Sie entscheiden selbstständig und sind für alles zuständig, was am Feld passiert: Planung der Pflanztage, Erstellung des Anbauplans und Rücksprache mit dem Landwirt, von dem der Acker gepachtet wurde.

Außerdem sind sie für die Kundengewinnung und -bindung sowie für Werbemaßnahmen zuständig. Ebenso kümmern sie sich um die Social Media-Kanäle Facebook und Instagram und die Webseite zum Start-up. Diese haben die IT-Auszubildenden aus dem Gründerjahrgang in Zusammenarbeit mit den Agravis-Bereichen Kommunikation und Informationstechnologie (IT) erstellt.

Mittlerweile gibt es auch einen Online-Shop, den die IT-Azubis mithilfe einer Entwicklerin erstellt haben. Der IT-Auszubildende des jeweiligen Junges Gemüse-Jahrgangs pflegt und verbessert die Webseite stetig. Die Auszubildenden treffen sich regelmäßig und besprechen und planen ihre Aufgaben.

Unser Start-up ist eine eigene Kostenstelle, so wie jeder andere Bereich in der AGRAVIS. Wir bekommen jeden Monat Status-Berichte vom Bereich Controlling. Dort ist ein ehemaliger dualer Student für “Junges Gemüse” zuständig und betreut unsere Kostenstelle. Er selber war im Gründerjahrgang. Im ersten wurden 54 Parzellen vermietet. Was ein sehr guter Start war. Im letzten Jahr waren es bereits 169 Parzellen.

Auszubildende als „Geschäftsführer“

Das gesamte Ausbildungsjahr ist für Junges Gemüse verantwortlich, wobei der sogenannte „Vollzeit-Azubi“ eigenverantwortlich agiert und den Überblick hat. Im Gegensatz zu den anderen Azubis bei Junges Gemüse wird dieser hauptverantwortliche Azubi für sechs Monate in keiner anderen Abteilung der AGRAVIS Raiffeisen AG eingesetzt.

Jeder aus dem Ausbildungsjahr kann die Verantwortung für Junges Gemüse und somit die Rolle eines Geschäftsführers übernehmen. Bei Interesse meldet man sich etwa sechs Monate vorher bei der Ausbilderin. Sie führt mit jedem ein Gespräch und wählt aus, wer die beiden Vollzeit-Azubis für das Jahr sein sollen. Zu deren vielfältigen Aufgaben zählen z. B. die  Rechnungserstellung, Input für die Start-up-Webseite geben, Absprachen mit den Verpächter:innen und Angestellten führen und die Übergabe zum nächsten Jahrgang koordinieren.
Da es generell einen individuellen Einsatzplan für die Azubis der AGRAVIS-Zentralen gibt, der sich an Interessen und Stärken der Auszubildenden orientiert, ist die Umsetzung im Ausbildungsplan der beiden Azubis unkompliziert.

Unterstützung für die Azubis

Eine 450-Euro-Kraft ist unsere gute Seele am Feld – er ist Ansprechpartner direkt vor Ort und hält dort alles in Ordnung, unterhält sich mit den Kund:innen und deren Kindern und erfährt so, was am Feld passiert und was es für Probleme gibt, wenn beispielsweise ein:e Gärtner:in lange nicht am Beet war und das Unkraut schon zu den Nachbarn rüberwächst. Eine seiner weiteren Aufgaben ist der Verkauf von Dünger am Feld.

Learnings

In den letzten 5 Jahren ist viel passiert und jeder Jahrgang hat etwas dazu beigetragen: Eine vollautomatische Wasserversorgung, ein fester Zaun, das Angebot auch von nicht vorbepflanzten Parzellen, ein Online-Shop und das sogenannte Hochbeete-Projekt sind mit den Jahren entstanden. Was noch besser laufen kann, ist die Kommunikation untereinander. Schnell versuchen die Teams, alles über E-Mail zu regeln und tragen dies nicht in  unser Wiki ein. Sobald jemand aus dem Urlaub kommt, weiß er nicht, was in den vergangenen Wochen passiert ist und kommt nicht schnell auf den neusten Stand.

Unternehmerisch denken

Uns wurde zu Beginn von Junges Gemüse gesagt, wir sollten einfach mal querdenken, alles hinterfragen und umdenken. Dies versuchen wir natürlich stetig. Ich selbst bekomme durch die Arbeit für Junges Gemüse Einblicke in alle Bereiche (Vertragsabwicklung, Kundenbetreuung, Rechnungswesen) und vernetze mich dadurch intern sehr gut, lerne selbstständiges Arbeiten (plane den Tag und die Termine selbst und kann selbst entscheiden), mache Erfahrungen im unternehmerischen Denken und erhalte mehr Prozessverständnis.

Wir Azubis haben eine “Spielwiese” zum Austesten, müssen Entscheidungen treffen und lernen, dafür gerade zu stehen, wir müssen Verantwortung übernehmen. Die Kommunikation wird verbessert und die Entscheidungsfindung fundierter. Bei Diskussionen im Team merkt man eine Veränderung: Kurz nach der Übergabe an unser Ausbildungsjahr haben wir alles abgesegnet, was jemand vorgeschlagen hat – nun wird erst diskutiert und überlegt, ob der Aufwand einen Mehrwert für den Kunden hat.
Dadurch werden wir Azubis selbstbewusster und denken unternehmerischer:

Durch unser neu gelerntes Querdenken können wir Verbesserungen in anderen Abteilungen erkennen. Selbstbewusst schlagen wir mögliche Veränderungen vor.
Außerdem ist Junges Gemüse eine gute Werbung für die Ausbildung bei Agravis und steigert so das gute Image des Unternehmens.

Und wie geht es weiter?

Wir entwickeln unser Start-up stetig weiter. Die Hochbeet-Komplett-Pakete sind im Zuge eines Seminars im letzten Jahr entstanden. Da die Gemüsebeete so weit optimiert sind, dass nicht mehr viel unternehmerisches Denken übrig geblieben ist. Nun verkaufen wir Hochbeet-Pakete im Raum Münster an Schulen und KiTas, um dort “Nachhaltigen” Gemüseanbau zu vermitteln. Viele der Kinder lernen zu spät, dass die Tomaten nicht im Supermarkt wachsen. Was die Pakete besonders macht ist, dass sowohl Erde und Saatgut als auch die Lieferung und der Aufbau im Preis inbegriffen sind. So können die KiTas und/oder Schulen direkt mit dem Bepflanzen beginnen und haben ein “Rundum-sorglos-Hochbeet-Paket”.

CHECKLISTE: So gelingt ein Azubi-Start-up

  • Genug Azubis einsetzen
    Damit Urlaub, Schule und Krankheitsfälle kein Problem darstellen und dennoch Entscheidungen getroffen werden können. Einige der Auszubildenden
    sind beispielsweise im Blockunterricht und somit wochenweise nicht im Unternehmen.
  • Kommunikations-Portal
    zur Verfügung stellen, um dort alles festzuhalten. So kann jederzeit alles nachgeschlagen werden. Dies ist auch für den nächsten Jahrgang wichtig, um alles besser nachvollziehen zu können und aus den Erfahrungen der Vorgänger zu lernen.
  • Der Rückhalt aus der Unternehmensleitung ist Voraussetzung sowie von allen Ausbildungsbeauftragten der Fachbereiche.
  • Freiräume lassen
    Die Auszubildenden selbst entscheiden lassen und als Ausbildungsabteilung hinter den Entscheidungen stehen, damit sie motiviert bleiben.
  • Den Arbeitsaufwand nicht unterschätzen.
    Er ist größer als zuerst gedacht.
  • Anfängliche betriebswirtschaftliche Verluste in Kauf nehmen.
  • Den Auszubildenden Vertrauen schenken und Mut zur Eigeninitiative und Entscheidungsfindung geben.
  • Die Übergabe an den nächsten Jahrgang ist wie ein Neuanfang in jedem Jahr.

 

©Agravis Raiffeisen AG

Maike Munsch hat ein Fachabitur im Bereich Wirtschaft und Verwaltung gemacht. Im September 2020 startete sie die Ausbildung zur Kauffrau für Groß- und Außenhandelsmanagement bei der AGRAVIS Raiffeisen AG und war von September 2021 bis Februar 2022 Vollzeit bei Junges Gemüse.
www.jungesgemuese.ms

Die AGRAVIS Raiffeisen AG ist ein Agrarhandels- und Dienstleistungsunternehmen mit Sitz in Münster. Sie agiert in den Sparten Agrar Großhandel, Agrar Landwirtschaft, Technik, Märkte und Energie. Die AGRAVIS-Gruppe beschäftigt mehr als 6.300 Mitarbeitende und knapp 600 Auszubildende in 17 Ausbildungsberufen, die Ausbildungsquote beträgt knapp 9 %. Das Unternehmen ist an mehr als 400 Standorten überwiegend in Deutschland tätig.
https://ausbildung.agravis.de

 

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©NWB Verlag

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