KOLUMNE: Kurz nachgedacht – Perspektiven auf den Ausbildungsalltag
#4: Vielleicht ist es gar nicht so schwer
es ist Juli, die Planung des Onboardings steht an und in “Vielleicht ist es gar nicht so schwer” geht es um darum, wie wir herausfinden, was die Jugendlichen von uns brauchen und erwarten.

Wir wünschen viel Spaß beim Lesen!
Endlich ist es wieder Zeit für Sommerschlaf und für die Metamorphose einiger Alterskohorten. Läppische sechs Ferienwochen reichen, um vom kleinen Kind zum großen Kind aufzusteigen, vom großen Kind zur jungen Erwachsenen. Sechs Wochen, nach denen man plötzlich das Sie einfordern darf oder ein gebügeltes Hemd tragen muss.
Für Teenager kommen diese Metamorphosen Schlag auf Schlag. Um etwaiger Überforderung entgegenzuwirken, versuchen manche Erwachsene den Prozess angenehm zu gestalten. Meine Grundschullehrerin schrieb uns neuen Erstklässler:innen einen Brief, in dem sie uns willkommen hieß. Als Fünftklässler:innen haben wir drei Eingewöhnungstage bekommen. Universitäten veranstalten sogenannte Ersti-Wochen. Ausbildungsbetriebe machen Onboarding.
Super Sache – wenn es nicht so schwer wäre herauszufinden, was diese Teenager brauchen. Schließlich geht es beim Onboarding nicht (wie in der Uni) vor allem darum, durch die besten Kneipen zu ziehen. Es geht um die Integration in ein Unternehmen, um den Einstieg in einen Beruf, um das Kennenlernen der neuen Kolleg:innen, die man ab jetzt jeden Tag sehen wird.
Weil Erwachsene Schwierigkeiten haben, sich zu erinnern, wie es damals mit Fünfzehn, Sechzehn, Neunzehn war, zerbricht das ganze Land sich den Kopf, was im Innern der jungen Menschen abgeht. Was ist noch cool, was catcht die Aufmerksamkeit, was braucht, will, erwartet diese neue Generation?
Aufmerksam beobachten wir sie und versuchen Muster in ihrem Verhalten zu erkennen. Wir schleichen uns durch Bürogänge und spionieren aus den Schatten der Raucherecke. Wir fragen unsere Kolleg:innen nach ihren Erfahrungen. Wir lesen Texte von Expert:innen. Wir bemühen Suchmaschinen und KI und hoffen, etwas Brauchbares auf die Frage zu finden, wie sich Jugendliche bei uns wohlfühlen können.
Ein Trick, den wir gelernt haben: Köder. Natürlich nennen wir das nicht so. Besser ist: Anreize, Vorteile, Benefits. Wir legen sie aus und schauen, wo angebissen wird. Gemeinsames Frühstück? Firmenausflug? Projektwerkstatt? Schnitzeljagd? Obstkörbe? Dann wird ausgewertet. Der, der am besten funktioniert, wird im nächsten Jahr wieder eingesetzt.
So arbeiten wir uns ab und vergessen darüber, dass Teenager auch nur ganz normale Menschen sind, die ganz normal behandelt werden möchten. Um sich wohlzufühlen, brauchen ganz normale Menschen Kontakt, Offenheit und Wertschätzung. Das sind Haltungsfragen, keine Gadgets. Und vor allem bedeutet das: Man muss mit ihnen direkt ins Gespräch gehen.
Warum nicht zum Beispiel die vorangegangene Azubi-Generation fragen, wie sie ihr Onboarding fanden? Was sie sich gewünscht hätten? Manchmal braucht es etwas Zeit, bis sie sich daran gewöhnen, dass sich jemand wirklich für ihre Meinung interessiert und Impulse von ihnen annehmen möchte. Einfach ein paar Tage Zeit zum Nachdenken geben. Oder die Perspektive verändern: Wie würdet ihr das Onboarding gestalten, wenn Geld keine Rolle spielen würde? Wenn es das beste Onboarding der Branche werden soll? Das funktioniert. Aber nur, wenn es uns wirklich interessiert, was sie zu erzählen haben.
Über die Kolumnistin:
Svenja Hünicke ist Pädagogin, Trainerin und Autorin. Sie wurde 1998 geboren, wuchs in Krefeld auf und lebt zurzeit in Duisburg. Seit über zehn Jahren arbeitet sie pädagogisch mit Kindern und Jugendlichen, seit 2022 vor allem in der Gewaltprävention als Referentin, Anti-Gewalt- und WenDo-Trainerin. Außerdem ist das Geschichtenerzählen und Schreiben fester Bestandteil ihrer Arbeit: auf der Bühne, in Zeitschriften oder in Videoformaten.
🔎 Hier findest Du alle bisherigen Folgen der Kolumne:
#1: Der Vorteil vom Dazwischen
#2: Der Ton und die Musik
#3: Ich bin eine Drei
#4: Vielleicht ist es gar nicht so schwer
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