KOLUMNE: Kurz nachgedacht – Perspektiven auf den Ausbildungsalltag
#7: Körper, sprich deutlich!
der Körper spricht, egal ob wir es wollen oder merken. Viele kleine Botschaften schicken wir jede Sekunde raus, die uns in der Kommunikation helfen, oder zu Missverständnissen führen können. Zum Beispiel wenn wir Gesprächspartner:innen unablässig anlächeln, obwohl wir es ziemlich eilig haben. Warum es sich lohnt, die eigene Körpersprache bewusster wahrzunehmen, zeigt Svenja Hünicke in Folge #7 der Kolumne.

Wir wünschen viel Spaß beim Lesen!
Neulich stand ich im Baumarkt und suchte unter hunderten von Glühbirnen den richtigen Ersatz für meine Stehlampe. Eine Frau neben mir mit der gleichen Herausforderung bat mich um Hilfe. Es dauerte keine zwei Minuten, bis sie von Watt über Volt bei ihren politischen Überzeugungen bezüglich der Gesundheitspolitik angekommen war. Ich hatte wirklich gar keine Lust darauf, aber ich brauchte lange, bis ich den Ausgang aus diesem einseitigen Gespräch fand.
Da mir solche Begegnungen auffällig oft passieren, fragte ich mich, ob das Zufall war, oder ob ich etwas dazu beitrug. Eine Freundin meinte, sie lande nie in aufgezwungenen Konversationen mit Fremden, denn sie mache auf der Straße ein Sprich-mich-nicht-an-Gesicht. Nach einiger Selbst-Beobachtung stellte ich fest: Mein Gesicht ist das genaue Gegenteil. Mein Gesicht ist ein Erzähl-mir-bitte-unbedingt-mehr-Gesicht. Ich lächele, nicke, halte Blickkontakt. Nichts in meiner Körpersprache gibt meinem Gegenüber das Signal, dass ich ausschließlich bei der Glühbirnensuche helfen möchte. Meine Körpersprache ist eine duftende Einladung auf lieblichem Briefpapier, doch bitte immer weiter und weiter zu reden.
Dafür, dass die Körpersprache den größten Teil unserer direkten Kommunikation ausmacht, denken wir erstaunlich wenig über sie nach. Egal, ob wir sprechen oder nicht, unser Körper sendet unablässig Botschaften, die andere wahrnehmen und mal richtig und mal falsch interpretieren. Wenn wir uns über die Botschaften, die unser Körper sendet, nicht im Klaren sind – oder aber die Botschaften, die wir bekommen, fehlinterpretieren, kann es zu Missverständnissen und Konflikten kommen.
Eine plakative Situation, die ich immer wieder sehe: Eine Gruppe von großen, uniformierten und bewaffneten Polizist:innen kreisen im Bahnhof eine Person an einer Wand ein. Für mich sieht das immer eher nach Schwerbrecher als nach Schwarzfahrer aus. Denn die Körperhaltung, die Kleidung und der Abstand, den wir zu Menschen halten, ist auch Teil der Körpersprache. Und die kann in einem solchen Szenario bedrohlich wirken und sogar zur Eskalation führen, wenn die eingekreiste Person sich in die Enge getrieben fühlt und aggressiv wird.
Ich bin mir sicher: Würde ich mit den entsprechenden Beamten ein Fachgespräch führen, würden sie mir sagen, dass sie in ihrem Auftreten eigentlich nicht bedrohlich sein wollen. Aber das ist nicht der Punkt. Mein Deutschlehrer wollte auch nicht unangenehm sein, als er mir beim Sprechen immer zu nah kam und ich seinen fiesen Zigarettenatem riechen musste. Er hatte schlicht kein Gefühl für eine angemessene Körpersprache. Aber trotzdem wirkt sie. Und über diese Wirkung müssen wir uns in unserer Rolle, in der wir (minderjährige) Menschen führen und ausbilden, bewusst sein.
Über meine Mimik, die zu Gesprächen einlädt, bin ich mir mittlerweile sehr bewusst, und ich möchte sie mir gern beibehalten. Ich musste sie nur darum ergänzen, dass ich Leuten auch deutlich sagen kann: Es tut mir leid, ich möchte mich gerade nicht unterhalten. Und das funktioniert ganz gut.
Über die Kolumnistin:
Svenja Hünicke ist Pädagogin, Trainerin und Autorin. Sie wurde 1998 geboren, wuchs in Krefeld auf und lebt zurzeit in Duisburg. Seit über zehn Jahren arbeitet sie pädagogisch mit Kindern und Jugendlichen, seit 2022 vor allem in der Gewaltprävention als Referentin, Anti-Gewalt- und WenDo-Trainerin. Außerdem ist das Geschichtenerzählen und Schreiben fester Bestandteil ihrer Arbeit: auf der Bühne, in Zeitschriften oder in Videoformaten.
🔎 Hier findest Du alle bisherigen Folgen der Kolumne:
#1: Der Vorteil vom Dazwischen
#2: Der Ton und die Musik
#3: Ich bin eine Drei
#4: Vielleicht ist es gar nicht so schwer
#5: Bauchschmerzen
#6: Lehren kann man lernen
#7: Körper, sprich deutlich!
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