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KOLUMNE: Kurz nachgedacht – Perspektiven auf den Ausbildungsalltag

#6: Lehren kann man lernen

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Liebe Ausbilder:in,

Du bist nicht nur für die Auszubildenden verantwortlich, sondern auch für das Ausbildungsteam. Wen hole ich mir am besten ins Boot? Wer hat das Zeug dazu? In unseren Kolleg:innen steckt auch immer ein bisschen Lehrtalent – wir müssen nur die Augen offenhalten.

wirAUSBILDER-Kolumne "Kurz nachgedacht – Perspektiven auf den Ausbildungsalltag"
©AdobeStock_1923854720 I ViDi Studio

Wir wünschen viel Spaß beim Lesen!


Mein Französischlehrer konnte die besten Geschichten erzählen. Grinsend und schwungvoll malte er Landesgrenzen und Politiker an die Tafel und erzählte uns eine Story nach der anderen. Dass ich dabei etwas lernte, passierte so beiläufig – ich merkte davon gar nichts. Da Lernen für das Gehirn anstrengend ist, muss man seine Neugier wecken. Mein Französischlehrer schaffte das mit seiner ansteckenden Begeisterung. Außerdem schloss er seine Lektionen häufig mit einem Bezug zu unserem Leben: Schaut mal nach, was Cajun Pommes mit dem Siebenjährigen Krieg zu tun haben.

Das, was mein Lehrer da erreichte, ist kein Hexenwerk. Das ist Didaktik, also die Lehre des Lehrens. Natürlich gibt es manche Menschen, die dafür so talentiert sind, dass sie sich nicht lange mit der Theorie aufhalten müssen. Genauso wie manche Leute einfach begnadet im Vertrieb sind – und manche halt nicht. Die Wahrheit ist aber auch, dass zwischen wahnsinnig begabt und wahnsinnig unbegabt ein großer Bereich ist, in dem man sich durch theoretisches Wissen und durch Übung entwickeln kann.

Bei der Rekrutierung der Ausbildungsbeauftragten stellt sich also die Frage: Welche der Kolleg:innen haben Lust auf einen neuen Entwicklungsschritt und welche bringen die nötigen Fähigkeiten dazu mit? Wer ist gut darin, Dinge verständlich zu erklären? Wer weckt Interesse? Wem hört man gerne zu? Wer sorgt für Motivation? Wer integriert die Neuen ins Team? Wessen Begeisterung ist ansteckend? Wer hat eine Engelsgeduld? Wer kann seine Rolle und sein Handeln konstruktiv reflektieren? Vorab alltägliche Situationen zu beobachten und nach diesen Fähigkeiten Ausschau zu halten, lohnt sich, damit es später nicht so läuft:

Vor kurzem erzählte mir ein Jugendlicher, wie gerne er Elektriker geworden wäre. Er war gut in der Schule, aber die Ausbildung hatte er trotzdem abgebrochen. Sein Mathelehrer schrie ihn regelmäßig an, und die Zuständigen im Betrieb ließen ihn nur die Arbeit machen, auf die sie selbst keine Lust hatten. Seine intrinsische Motivation für die Ausbildung schmolz dahin.

Eine weitere Jugendliche war eher orientierungslos und probierte eine Ausbildung als Steuerfachangestellte aus. Auch sie brach ab. Zwar schrie sie niemand an, aber ihr kam es so vor, als hätten nicht mal die Ausbildungsbeauftragten Lust auf ihre Arbeit. Sie machten wohl nur geradeso das Mindeste und fieberten auf den Feierabend hin, als sei er eine Erlösung. Die Auszubildende betonte, dass sie aber einen Beruf ausüben möchte, der ihr auch Freude bereitet.

Als Ausbildungsverantwortliche:r macht man sich das Leben leichter, wenn man sein Ausbildungsteam pflegt. Wenn ihr bei Kolleg:innen geeignete Fähigkeiten beobachtet, sprecht sie gezielt darauf an. Vermittelt, warum sie sich für die Lehre eignen würden. Menschen freuen sich, wenn wir Qualitäten in ihnen entdecken und ihnen aufgrund dessen neue Verantwortung zutrauen. Daraus kann ein vielfältiges Ausbildungsteam entstehen, das in der Lage ist, sich gegenseitig zu unterstützen – und Auszubildenden mit unterschiedlichen Charakteren eine erfolgreiche Ausbildung zu ermöglichen.


Über die Kolumnistin: 

Svenja Hünicke ist Pädagogin, Trainerin und Autorin. Sie wurde 1998 geboren, wuchs in Krefeld auf und lebt zurzeit in Duisburg. Seit über zehn Jahren arbeitet sie pädagogisch mit Kindern und Jugendlichen, seit 2022 vor allem in der Gewaltprävention als Referentin, Anti-Gewalt- und WenDo-Trainerin. Außerdem ist das Geschichtenerzählen und Schreiben fester Bestandteil ihrer Arbeit: auf der Bühne, in Zeitschriften oder in Videoformaten.


🔎 Hier findest Du alle bisherigen Folgen der Kolumne:

#1: Der Vorteil vom Dazwischen

#2: Der Ton und die Musik

#3: Ich bin eine Drei

#4: Vielleicht ist es gar nicht so schwer

#5: Bauchschmerzen

#6: Lehren kann man lernen


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