KOLUMNE: Kurz nachgedacht – Perspektiven auf den Ausbildungsalltag
#2: Der Ton und die Musik
ein Monat ist vergangen – nun gibt es die zweite Folge unserer neuen Kolumne.
Unter dem Titel “Der Ton und die Musik” geht Svenja Hünicke diesmal der Frage nach, welchen Umgangston wir anschlagen, was wir für selbstverständlich halten und wie unser Musikgeschmack uns hilft, andere Menschen besser zu verstehen.

Wir wünschen viel Spaß beim Lesen!
Im Grunde bin ich ein geduldiger Mensch. Und mein Geduldsfaden ist besonders lang, wenn ich mit Jugendlichen arbeite. Was ich aber wirklich anstrengend finde, ist, wenn Personen so sprechen, als wären sie dauerhaft genervt. Zu meinem Leidwesen ziehen manche Jugendliche diesen Umgangston den ganzen Tag konsequent durch – was mich wiederum in den Wahnsinn treibt.
Mein Selbstanspruch ist, diesen Ton nicht persönlich zu nehmen. Aber es raubt mir meine Energie, die ich eigentlich zum Arbeiten brauche, wenn ich aus jedem Satz das Augenrollen heraushöre. Meine innere Großmutter möchte dann am liebsten den Zeigefinger heben und sowas sagen wie: Hör mal, der Ton macht die Musik! Während ich aber stattdessen lieber zur Beruhigung ausatme, frage ich mich, ob es die Person nicht selbst stört, den ganzen Tag das eigene Maulen und Motzen im Ohr zu haben.
Unerwarteterweise verhalf mir in der Sache die Band Guns N‘ Roses zu einer Erkenntnis. Eine Freundin kam zum Essen vorbei, als gerade laut “Welcome to the Jungle” lief. Sie fragte, was das für ein Sound sei, das wäre ja super anstrengend. Ich war entrüstet, erklärte die Besonderheiten der Musik und wie sie mich an meine Kindheit erinnert. Sie war nicht überzeugt und machte Indie-Pop an.
Da wurde mir klar, dass in dieser Situation ich die nörgelnde Jugendliche war. Nicht weil Klischee-Filme Hardrock mit schlechtgelaunten 16-Jährigen assoziieren. Sondern weil die Jugendliche ihren angenervten verbalen Ausdruck genauso wenig anstrengend findet wie ich Guns N‘ Roses beim Essen. Und das ganz allein aus dem Grund, dass sie wahrscheinlich von früh auf daran gewöhnt wurde, genauso wie ich an den Hardrock – sowie an einen ruhigen, freundlichen Umgangston.
Ich frage mich, wie wohl die umgekehrte Wahrnehmung ist. Wie findet die Jugendliche meine Art zu sprechen? Ist es für sie genauso ungewohnt, meinen Umgangston zu hören, wie für mich der Klang von klassischer Musik? Muss sie einfach lernen, warum es sich lohnt, einen respektvollen Umgangston zu pflegen – genauso wie ich lernen könnte, was so toll an Beethoven ist?
Natürlich gibt es einen Unterschied im Umgangston und der Musik. Die Musik ist freier künstlerischer Ausdruck. Den Umgangston gebe ich als pädagogische Fachkraft vor und setze ihn als Norm. Dafür gibt es gute Gründe: Es lebt und arbeitet sich besser, wenn wir freundlich zueinander sind. Dass ein respektvoller Raum die Basis für ein friedliches und gesundes Miteinander ist, sollte außer Zweifel stehen.
Dennoch muss ich Heranwachsenden manchmal zugestehen, dass meine Norm nicht die Norm ihrer Kindheit oder ihres Umfelds ist. Ich muss jungen Menschen ein Lernfeld ermöglichen, in denen sie durch Übung ihr Gehör nachschärfen können. Die Zwischentöne, die Pausen, das Sanfte – das muss man sich erarbeiten. Was ich beim Üben durchgehen lasse, hat selbstverständlich klare Grenzen. Aber um auf den Geschmack eines neuen Sounds zu kommen, braucht es Zeit und jemanden, der einen geduldig auf die schönen Aspekte hinweist. Es braucht sozusagen eine musikalische Erziehung.
Über die Kolumnistin:
Svenja Hünicke ist Pädagogin, Trainerin und Autorin. Sie wurde 1998 geboren, wuchs in Krefeld auf und lebt zurzeit in Duisburg. Seit über zehn Jahren arbeitet sie pädagogisch mit Kindern und Jugendlichen, seit 2022 vor allem in der Gewaltprävention als Referentin, Anti-Gewalt- und WenDo-Trainerin. Außerdem ist das Geschichtenerzählen und Schreiben fester Bestandteil ihrer Arbeit: auf der Bühne, in Zeitschriften oder in Videoformaten.
🔎 Alle Folgen der Kolumne in der Übersicht:
#1: Der Vorteil vom Dazwischen
💌 Keine News mehr verpassen!
Der wirAUSBILDER-Newsletter informiert Dich über Aktuelles aus der Ausbildungswelt.
