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KOLUMNE: Kurz nachgedacht – Perspektiven auf den Ausbildungsalltag

#3: Ich bin eine Drei

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Liebe Ausbilder:in,

Noten sollen Leistungen vergleichbar machen. Doch im Ausbildungsalltag zeigen sie oft nur eine Momentaufnahme – entstanden unter Druck, in Prüfungssituationen und nach formalen Kriterien. Was heißt das eigentlich für die Menschen dahinter?

  • Bewerten wir eine Leistung – oder die Anpassungsfähigkeit an Prüfungen?
  • Fördern Noten Motivation – oder eher Scham und Selbstzweifel?

Unter dem Titel “Ich bin eine Drei” blickt Svenja Hünicke diesmal mit einem sehr persönlichen Blick auf Noten, Selbstwert und Verantwortung in der Ausbildung.

wirAUSBILDER-Kolumne "Kurz nachgedacht – Perspektiven auf den Ausbildungsalltag"
©AdobeStock_1923854720 I ViDi Studio

Wir wünschen viel Spaß beim Lesen!


In der dritten Klasse bekam ich meine erste schrecklich entmutigende Drei in Mathe. Zuhause musste ich weinen, aber mit meinen Eltern konnte ich einen Blick ins Heft wagen, um die Ursache herauszufinden. Wir hatten Geldbeträge addiert und subtrahiert und in der ganzen Klassenarbeit hatte ich vergessen, die Eurozeichen dazu zu schreiben. Jedes fehlende Eurozeichen war ein halber Fehlerpunkt. Die Rechenwege und die Ergebnisse waren alle richtig.

Damals habe ich mich das erste Mal so richtig über Noten aufgeregt. Die Ungerechtigkeit war für mich offensichtlich. Gleichzeitig war ich machtlos, etwas an der Situation zu ändern. So ist das halt, sagte die Lehrerin, alles andere wäre den anderen Kindern gegenüber unfair. Da stand sie jetzt im Raum, diese Frage nach der Fairness. Ist Prinzipienreiterei um der Vergleichbarkeit willen fair, auch wenn ein Kind dadurch Selbstvertrauen und Sinngefühl verliert? Ist es fair, aus pädagogischen Gründen mal ein Auge zuzudrücken – oder sollte man das gerade aus pädagogischen Gründen nicht tun?

Eine Kollegin ist vor kurzem zum achten Mal durch die Fahrprüfung gefallen. Man könnte sagen, gut so, denn wer nicht fahren kann, sollte auch keine Fahrerlaubnis bekommen. Allerdings kann sie hervorragend Auto fahren. Was sie nicht kann, ist Prüfungssituationen meistern. Der Druck bestehen zu müssen und die unnatürlich vielen Augen, die jeden Handgriff beobachten, bringen sie um ihre Souveränität. Ist es fair, dass diese Momentaufnahme zum Maßstab ihrer Fähigkeiten wird?

Mir ist klar, dass es Gründe für Noten gibt. Sie sind ein Instrument zur Evaluation und ein formaler Grenzübergang der Verantwortung. Auf der einen Seite bin ich Auszubildende und jemand ist für mich verantwortlich. Lässt man mich die Grenze passieren, trage ich allein die Verantwortung, zum Beispiel für meine Berufsausübung, und sollte dazu sowohl persönlich als auch fachlich in der Lage sein.

Leider ist das, was wir empfinden, wenn wir Noten bekommen, selten eine sachliche Motivation, sich mit den eigenen Leistungen auseinanderzusetzen. Je nach Note empfinden wir Stolz, eine Ausbildung absolviert zu haben und ab sofort Teil eines Berufsstandes zu sein. Vielleicht spüren wir Überheblichkeit gegenüber anderen Mitlernenden. Oder wir empfinden Scham, nicht genug zu sein. Wir fühlen uns schuldig gegenüber denen, die uns unterstützen. Im besten Fall fühlen wir uns gesehen und wertgeschätzt.

Eine Drei in Mathe in der Grundschule ist kein Weltuntergang und für die meisten etwas sehr Normales. Aber für mich war es beschämend. Ich dachte, ich wäre gut in Mathe, und weil ich gut in Mathe bin, können meine Eltern stolz auf mich sein. Wenn ich nicht mehr gut in Mathe bin – was bedeutete das dann?

Dass ich meinen Selbstwert heute nicht mehr an meine Noten knüpfe und ich mein Matheabitur geschafft habe, liegt an den Menschen, die mir beigebracht haben, dass Prüfungen Momentaufnahmen sind. Die Enttäuschung, die Scham, der Stolz – alles darf da sein, solange es Ausbilder:innen gibt, die den Lernenden klar machen:

Das hat nichts mit deinem Wert an sich zu tun.


Über die Kolumnistin: 

Svenja Hünicke ist Pädagogin, Trainerin und Autorin. Sie wurde 1998 geboren, wuchs in Krefeld auf und lebt zurzeit in Duisburg. Seit über zehn Jahren arbeitet sie pädagogisch mit Kindern und Jugendlichen, seit 2022 vor allem in der Gewaltprävention als Referentin, Anti-Gewalt- und WenDo-Trainerin. Außerdem ist das Geschichtenerzählen und Schreiben fester Bestandteil ihrer Arbeit: auf der Bühne, in Zeitschriften oder in Videoformaten.


🔎 Alle Folgen der Kolumne in der Übersicht:

#1: Der Vorteil vom Dazwischen

#2: Der Ton und die Musik


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