KOLUMNE: Kurz nachgedacht – Perspektiven auf den Ausbildungsalltag
#5: Bauchschmerzen
das neue Ausbildungsjahr klopft an und egal, ob es der Anfang ist oder man schon mittendrin steckt: Manche Menschen gehen mit Bauchschmerzen zur Arbeit. Warum und was wir dagegen tun können – darum geht es in dieser Ausgabe der Kolumne.

Wir wünschen viel Spaß beim Lesen!
Hoch die Gläser, der neue Ausbildungsjahrgang startet! Wenn das kein Grund zum Feiern ist. Naja, leider nicht für alle. Laut einer Studie des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales von 2025 werden 6,5 Prozent der abhängig Beschäftigten gemobbt. Besonders stark sind Personen unter 30 Jahren betroffen und vor allem Auszubildende mit knapp 12 Prozent. Das ist ungefähr jede:r Achte.
Wirklich? Alles war bis gerade so schön sommerlich-leicht und jetzt soll es um Mobbing gehen? Um dieses verbrauchte Signalwort, das alle am liebsten der englischen Sprache zurückgeben wollen? Und ganz ehrlich, ist Mobbing überhaupt eine echte Sache? Das sind doch einfach Konflikte. Und die gab es schon immer, da müssen sich die Kleinen mal eine dickere Haut zulegen.
Ja wirklich. Es soll um Mobbing gehen, denn Mobbing ist kein normaler Konflikt, sondern absichtliches, systematisches Schädigen. Mobbing ist psychische und eventuell auch physische Gewalt. In der Regel versuchen Personen, die mobben, sich selbst mächtiger zu fühlen, indem sie andere schikanieren, kleinmachen, beschämen, bedrohen. Es entsteht eine Dynamik, in der die eine Seite glaubt, sie könne und müsse durch Gewalt die eigene machtvolle Position beweisen und verteidigen.
Es ist ausgesprochen schwer, sich allein dagegen durchzusetzen. Ein Grund ist, dass Gewalt Angst macht. Betroffene werden häufig unsicher, hinterfragen sich selbst, suchen den Fehler bei sich. Angst lässt oft hilflos und isoliert fühlen. Auf Dauer kann sich das massiv auf die Arbeitsfähigkeit und letztlich auch auf die körperliche und geistige Gesundheit auswirken.
Eben weil es so schwer ist, sich allein zu behaupten, können wir als Verantwortliche einen großen Unterschied machen. Ein Referent in meiner Ausbildung sagte mal: „Ich lasse in meinen Gruppen kein Mobbing zu.“ Das bedeutete nicht, dass er nicht über Mobbing sprach; oder es gar zu einem solchen Tabu machte, dass es eine persönliche und professionelle Niederlage gewesen wäre, wenn unter seiner Nase doch Mobbing passierte. Es ist eine Selbstverpflichtung aufmerksam zu sein und jeden Hinweis auf Mobbing ernst zu nehmen.
Wir können die Eskalationsspiralen jederzeit und im besten Fall frühzeitig unterbrechen, wenn wir uns kümmern. Darum, wie es den Auszubildenden geht, und darum, dass sie einen sicheren Arbeitsplatz haben – frei von Abwertung und Erniedrigung. Wenn sich jemand anvertraut, hören wir zu und nehmen die Person ernst, damit sie merkt, dass sie nicht allein und isoliert ist.
Wenn die Person es wünscht oder die Situation es erfordert, dass etwas unternommen wird, gilt zweierlei. Erstens: sich selbst Hilfe suchen. Wer sich austauscht und von Profis beraten lässt, ist handlungsfähiger. Wir müssen und können so etwas nicht immer allein schaffen. Zweitens: Im Austausch mit der betroffenen Person bleiben. Schließlich ist das Ziel, wieder Sicherheit am Arbeitsplatz herzustellen. Die weiteren Schritte dürfen in Ruhe geplant und besprochen werden. Wenn wir konsequent dieses Ziel verfolgen, dann können sich in Zukunft hoffentlich alle auf das neue Ausbildungsjahr freuen.
Über die Kolumnistin:
Svenja Hünicke ist Pädagogin, Trainerin und Autorin. Sie wurde 1998 geboren, wuchs in Krefeld auf und lebt zurzeit in Duisburg. Seit über zehn Jahren arbeitet sie pädagogisch mit Kindern und Jugendlichen, seit 2022 vor allem in der Gewaltprävention als Referentin, Anti-Gewalt- und WenDo-Trainerin. Außerdem ist das Geschichtenerzählen und Schreiben fester Bestandteil ihrer Arbeit: auf der Bühne, in Zeitschriften oder in Videoformaten.
🔎 Hier findest Du alle bisherigen Folgen der Kolumne:
#1: Der Vorteil vom Dazwischen
#2: Der Ton und die Musik
#3: Ich bin eine Drei
#4: Vielleicht ist es gar nicht so schwer
#5: Bauchschmerzen
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