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Zwischen Karteikarte und TikTok

Was Lernforschung und Generation Z für die Ausbildung bedeuten

Du kennst die Situation, und ich kenne sie aus eigener Ausbildungspraxis. Ein Azubi arbeitet solide, zeigt im Betrieb, was er kann, und besteht die Prüfung trotzdem nicht. Kein Einzelfall, sondern ein strukturelles Problem. Die Lernforschung kennt die Ursachen seit Jahrzehnten, und Generation Z lernt obendrein anders, als wir es gelernt haben.

Digitale Illustration eines akademischen Zeugnisses mit der Note A+
©Adobe Stock_1833783087 I Moon Guy_generiert mit KI

Mein Beitrag informiert im Folgenden darüber, was die Forschung sagt, wie Gen Z tickt und welche drei Praxistipps Du sofort umsetzen kannst.


1. Was die Forschung seit über 100 Jahren weiß

Hermann Ebbinghaus zeigte 1885: Wissen ohne aktive Wiederholung verblasst innerhalb von Stunden. Seitdem hat die Lernforschung drei Prinzipien präzisiert:
  • Verteiltes Üben schlägt Pauken vor der Prüfung.
  • Aktives Abrufen festigt stärker als passives Wiederlesen.
  • Regelmäßiges Feedback während des Lernens hebt die Leistung.
Das ist keine Theorie, sondern ein Werkzeugkasten, der seit Jahrzehnten bereitliegt.

2. Wie Generation Z anders lernt

Die Generation, die heute in Deine Ausbildung kommt, ist mit dem Smartphone aufgewachsen. Ihr Gehirn ist auf kurze, belohnungsstarke Reize trainiert. Was bei TikTok funktioniert, lässt sich auch beim Lernen nutzen. Das Belohnungshormon Dopamin schüttet sich aus, wenn ein Quiz richtig beantwortet, ein Lernziel erreicht oder ein Streak gehalten wird. Das ist nicht oberflächlich, sondern neurobiologisch wirksam. Gen Z lernt anders, nicht schlechter.

3. Wir Ausbilder zwischen Doppelauftrag und Offenheit

Aus eigener Erfahrung: Wir, die selbst noch mit Karteikarten gelernt haben, müssen uns ehrlich machen. Wir tragen einen enormen Doppelauftrag, sind Fachkraft und Lernbegleiter zugleich, kümmern uns um Berichtsheft, Prüfung, Fachgespräche, Personalplanung. Gleichzeitig sollen wir uns einer Generation öffnen, die anders tickt als wir. Beides geht, aber nur, wenn wir uns aktiv dabei unterstützen, unsere Aufgaben zu managen und neugierig auf das andere Lernverhalten zu bleiben.

4. Drei Praxistipps für Deinen Ausbildungsalltag

  • Aktives Abrufen statt Wiederlesen
    Stelle deinem Azubi am Wochenende drei Fragen zum Stoff der Woche, ohne Spickzettel. Anstrengender als Nachlesen, aber wirksamer.
  • Kurze Wiederholungen statt Pauken
    Fünf Minuten pro Tag oder zweimal pro Woche fünfzehn Minuten, regelmäßig eingeplant, schlagen jedes Marathon-Lernen.
  • Belohnung statt Druck
    Mache aus Lernfortschritt etwas Sichtbares. Ein Häkchen, ein Etappenziel, ein bewusst gesetztes Lob. Anerkennung, die Dopamin auslöst und Motivation festigt.

5. Noten sind ein Signal, kein Urteil

Der Azubi, der im Betrieb glänzt und in der Prüfung scheitert, ist kein Versager. Er ist oft Produkt eines Systems, das Lernen zu selten so gestaltet, wie es wirkt und wie seine Generation tickt.
  • Die Forschung liefert Antworten.
  • Gen Z bringt die Energie.
  • Wir Ausbilder sind die Brücke.
Ich arbeite täglich daran. Du sicher auch.

Barbara Simon
©Barbara Simon

Autorin:

Barbara Simon ist Ausbilderin bei der HAIT GmbH, einem Ausbildungsbetrieb aus Hagen. HAIT ist zugleich ein Pionier in der KI-gestützten Berufsausbildung mit der Lernplattform ThinkUP.


Wissenschaftliche Quellen:

  • Black, P. & Wiliam, D. (1998). Inside the Black Box. Phi Delta Kappan.
  • Cepeda, N. J. et al. (2006). Distributed practice in verbal recall tasks. Psychological Bulletin.
  • Ebbinghaus, H. (1885). Ueber das Gedaechtnis. Duncker & Humblot, Leipzig.
  • Roediger, H. L. & Karpicke, J. D. (2006). Test-Enhanced Learning. Psychological Science.
  • Schultz, W. (2015). Neuronal reward and decision signals: from theories to data. Physiological Reviews.

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Die Neuauflage beschreibt die zentralen Merkmale der Generation Z und der nachrückenden Generation Alpha. Auf Basis von Studien und Umfragen werden ihre Prägungen, Werte und Erwartungen an die Arbeitswelt dargestellt. Praxisbeispiele aus verschiedenen Branchen zeigen konkrete Ansätze für Azubi-Marketing, Recruiting, Onboarding, Führung, Bindung sowie die Themen Digitalisierung und Nachhaltigkeit.

Zahlreiche O-Töne von Jugendlichen verdeutlichen, welche Veränderungen mit dem Übergang zur Generation Alpha auf Unternehmen zukommen. Daraus leiten die Autoren praxisnahe Tipps ab, wie Ausbildungsbetriebe junge Menschen künftig erfolgreich gewinnen, führen und binden können.

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