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NEUE KOLUMNE: Kurz nachgedacht – Perspektiven auf den Ausbildungsalltag

#1: Der Vorteil vom Dazwischen

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Liebe Ausbilder:in,

mit dieser Kolumne wagen wir etwas Neues. Einmal im Monat wirft Svenja Hünicke einen bewussten Blick auf Ausbildungsthemen aus einer anderen Perspektive – persönlicher, nachdenklicher und manchmal auch unbequemer als gewohnt.

Die Beiträge sind kurz, pointiert und nah an der Praxis. Im Mittelpunkt stehen Gedanken, Beobachtungen und Fragen, die im Ausbildungsalltag oft zu kurz kommen, dabei aber viel bewirken können. Als kleiner Impuls zwischendurch, als Anlass zum Innehalten oder als Ausgangspunkt für Gespräche im Team.

wirAUSBILDER-Kolumne "Kurz nachgedacht – Perspektiven auf den Ausbildungsalltag"
©AdobeStock_1923854720 I ViDi Studio

In der ersten Ausgabe „#1: Der Vorteil vom Dazwischen“ geht es um Zwischenräume: zwischen Generationen, Rollen und Erfahrungen – und darum, welche Stärke darin liegen kann, nicht eindeutig dazuzugehören.

Wir wünschen viel Spaß beim Lesen!


Ich weiß nicht mehr, vor welcher Arbeit ich mich gedrückt habe, als ich irgendwo im Internet unverhofft meine Identität fand. Mir sprang einer dieser Generationskonflikt-Artikel ins Auge, deren Thesen zu GenX, Y und Z seit einiger Zeit die Smalltalks füllten. Mich nervte das Thema. Ich fand, das waren eh nur Stereotype, in deren Beschreibungen ich mich nicht wiederfand – trotz meines eindeutigen GenZ-Geburtsjahres.

Trotzdem klickte ich auf den Artikel. Und auf einmal war es glasklar, warum ich mich nicht so GenZ-like fühle. Ich bin eine andere Generation: Ich bin ein Zillenial, jemand zwischen Millenial und GenZ. Ein Generationshybrid! Ich kenne noch das gute alte YouTube, habe aber keine Angst vor TikTok. Nicht jedes zweite Wort, das ich benutze, ist Englisch, aber ich muss nicht mehr über die Notwendigkeit von Anglizismen diskutieren. Ich fordere aktiv Work-Life-Balance ein, und mache trotzdem ständig unbezahlte Arbeit. Ich bin ein Sowohl-als-auch und ein Keins-so-richtig.

Und wie schön es ist, ein Zillenial zu sein. Nicht weil ich in den Diskussionen, wer die coolere Generation sei, denjenigen Recht geben kann, mit denen ich gerade zu Mittag esse. Sondern weil es mir in meiner pädagogischen Arbeit ungemein hilft. Ich stehe zwischen denen, die schon zwanzig Jahre im Lehrberuf sind, und denen, die gerade erst ein aktiver Teil der Gesellschaft werden. Ich sehe die Eigenheiten und Stärken von beiden Seiten. Ich lebe im Raum dazwischen und kann ein vermittelndes Bindeglied sein.

Wenn man nur so halb zu etwas dazugehört, ist es leichter, Verhaltens- und Denkmuster einer Gruppe auszumachen. Das heißt, dieser Zwischenraum ermöglicht es mir, andere Perspektiven auf das Verhalten meiner Mitmenschen einzunehmen. Und je besser meine Wahrnehmung von anderen Menschen wird, desto mehr fange ich an, auch mich selbst zu beobachten – und zu fragen: Warum mache ich die Dinge so, wie ich sie mache? Warum nicht anders? Welche Regeln gebe ich mir und anderen? Sind sie sinnvoll? Warum? Kurz: Es setzt ein Selbstreflexionsprozess ein. Es ist die einfachste und vielleicht ursprünglichste Art zu lernen: die Anderen bei ihrem Tun beobachten, nachahmen. Innehalten. Kurz nachdenken. Es vielleicht etwas anders machen.

Dieser Prozess ist einer der Gründe, warum ich so gerne mit Menschen arbeite. In der Lehre werden wir jeden Tag aufs Neue zum Nachdenken und Hinterfragen herausgefordert. Wir müssen uns nicht nur mit unserem Gegenüber auseinandersetzen, sondern auch mit uns selbst. Wir lernen, genauso wie unser Gegenüber, auch wenn wir formal Ausbilder:in oder Lehrerkraft sind.

Einer meiner Zwischenräume, der meine Wahrnehmung schult, ist also mein Dasein als Zillenial. Aber ihr kennt das auch aus anderen Kontexten: Wenn man zwischen Kulturen aufgewachsen ist. Wenn man die Berufsschule und die Universität besucht hat. Wenn man die Arbeitnehmer- und Arbeitgeberseite kennt. Wenn wir genau hinschauen, finden wir unsere Zwischenräume, die uns eine breitere Perspektive auf die Welt ermöglichen. Und dann müssen wir sie nur noch zum Nachdenken nutzen.


Über die Kolumnistin: 

Svenja Hünicke ist Pädagogin, Trainerin und Autorin. Sie wurde 1998 geboren, wuchs in Krefeld auf und lebt zurzeit in Duisburg. Seit über zehn Jahren arbeitet sie pädagogisch mit Kindern und Jugendlichen, seit 2022 vor allem in der Gewaltprävention als Referentin, Anti-Gewalt- und WenDo-Trainerin. Außerdem ist das Geschichtenerzählen und Schreiben fester Bestandteil ihrer Arbeit: auf der Bühne, in Zeitschriften oder in Videoformaten.


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