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Junges Gemüse – ein nachhaltiges Azubi-Start-up

Azubi-Start-up Junges Gemüse
AGRAVIS-Azubis

Eigenverantwortlich und selbstorganisiert arbeiten, Wertschätzung erfahren und sich an Zahlen messen lassen – das alles erleben Azubis in den Zentralen der Agravis Raiffeisen AG während ihrer Mitarbeit im Start-up „Junges Gemüse“. Wie das funktioniert, berichtet Stephanie Detert, Auszubildende und momentan in Vollzeit für das Start-up zuständig.

2017 entstand während eines Azubiprojektes die Geschäftsidee, einen Acker an Münsteraner ohne eigenen Garten zu vermieten. Diese wurde durch den Vorstand unterstützt und von den Azubis aus dem zweiten Ausbildungsjahr umgesetzt: „Junges Gemüse“ startete als Azubi-Start-up der Agravis Raiffeisen AG im Mai 2018 mit der ersten Gartensaison.

Unsere Motivation

„Wir wollen Gemüse wieder wertschätzen. Bei uns soll die Regionalität im Vordergrund stehen. Jeder sollte wissen, wo sein Gemüse herkommt. Mit rund zwei Stunden Aufwand in der Woche sollen ‚Gartenlose‘ die Möglichkeit bekommen, ihr eigenes Gemüse anzubauen.“, ist auf unserer Webseite zu lesen. Das Start-up hat einen Acker am Stadtrand von Münster gepachtet, diesen in jeweils 45 m² große Parzellen geteilt, zum Teil vorbepflanzt und an interessierte Städter vermietet. Dort können sie von etwa Mai bis Ende Oktober Gemüse für den Eigenbedarf anbauen. Marktumfragen haben ergeben, dass Regionalität und Frische in punkto Gemüse besonders wichtig sind. Und genau das bieten wir mit unseren Beeten: Regionales und saisonales Gemüse. Ein weiterer Pluspunkt ist unsere Beratung: Wir stehen dem Kunden per Telefon, E-Mail und Social Media für alle Fragen zur Verfügung und informieren ihn über all das, was er für eine erfolgreiche Gemüsesaison benötigt. Zudem werden für die Pflege und Ernte die Gartengeräte und Gießwasser zur Verfügung gestellt.

Start-up in die Ausbildung integriert

Junges Gemüse ist für das zweite Ausbildungsjahr bei Agravis verpflichtend und entsprechend im Ausbildungsplan vermerkt. Dadurch ist es in die Ausbildungszeit eingeplant und die Abteilungen wissen, dass diese Azubis dafür zeitliche Freiräume benötigen. Die Auszubildenden aus dem zweiten Lehrjahr fangen im November an – bereiten die neue Saison vor. Sie entscheiden selbstständig, in welche Teams sie sich aufteilen. Aus dem Gründerjahrgang wurden unverändert die Teams Infrastruktur und Marketing übernommen. Das Team Infrastruktur ist für alles zuständig, was am Feld passiert: Es plant die Pflanztage, erstellt den Anbauplan und hält Rücksprache mit dem Landwirt, von dem der Acker gepachtet wurde. Das Team Marketing ist für die Kundengewinnung und -bindung zuständig. Werbemaßnahmen, wie Flyer verteilen oder einen Radiospot in Auftrag geben, gehören zu dessen Aufgaben. Ebenso kümmert es sich um die Social Media-Kanäle Facebook und Instagram und die Webseite zum Start-up. Diese haben die IT-Auszubildenden aus dem Gründerjahrgang in Zusammenarbeit mit den Agravis-Bereichen Kommunikation und Informationstechnologie (IT) erstellt. Der IT-Auszubildende des jeweiligen Junges Gemüse-Jahrgangs pflegt und verbessert sie stetig. Die Teams treffen sich regelmäßig und besprechen und planen ihre Aufgaben. Wird in einer der Gruppen etwas entschieden, so wird der Rest des Start-ups beim regelmäßigen Mittwochstreffen darüber unterrichtet. Unser Start-up ist eine eigene Kostenstelle, so wie jeder andere Bereich in der Agravis. Wir bekommen jeden Monat Status-Berichte vom Bereich Controlling. Dort ist ein dualer Student für Junges Gemüse zuständig und betreut unsere Kostenstelle. Er selber war im Gründerjahrgang. Junges Gemüse trägt sich zurzeit noch nicht selbst, da es sich erst im zweiten Jahr befindet. Im ersten wurden 54 Parzellen vermietet. Was ein sehr guter Start war. In diesem Jahr sind es bereits 90 Beete.

Auszubildende als „Geschäftsführer“

Das gesamte Ausbildungsjahr ist für Junges Gemüse verantwortlich, wobei der sogenannte „Vollzeit-Azubi“ eigenverantwortlich agiert und den Überblick hat. Im Gegensatz zu den anderen Azubis bei Junges Gemüse wird dieser hauptverantwortliche Azubi für sechs Monate in keiner anderen Abteilung der Agravis Raiffeisen AG eingesetzt, weshalb er mit „Vollzeit-Azubi“ betitelt wird. Jeder aus dem Ausbildungsjahr kann die Verantwortung für Junges Gemüse und somit die Rolle eines Geschäftsführers übernehmen. Bei Interesse meldet man sich etwa sechs Monate vorher bei der Ausbilderin. Sie führt mit jedem ein Gespräch und wählt aus, wer die beiden Vollzeit-Azubis für das Jahr sein sollen. Zu deren vielfältigen Aufgaben zählen z. B. die Vertragsabwicklung, Rechnungsbuchung, Input für die Start-up-Webseite geben, Absprachen mit den Verpächtern und dem Angestellten führen und die Übergabe zum nächsten Jahrgang koordinieren. Da es generell einen individuellen Einsatzplan für die Azubis der Agravis-Zentralen gibt, der sich an Interessen und Stärken der Auszubildenden orientiert, ist die Umsetzung im Ausbildungsplan der beiden Azubis unkompliziert.

Unterstützung für die Azubis

John Birresborn, beim Start-up angestellte Aushilfe, ist unsere gute Seele am Feld, er ist der Ansprechpartner direkt vor Ort und hält dort alles in Ordnung, unterhält sich mit den Kunden und deren Kindern, spielt Gitarre. John erfährt so, was am Feld passiert und was es für Probleme gibt, wenn beispielsweise ein Gärtner lange nicht am Beet war und das Unkraut schon zu den Nachbarn rüberwächst. Eine seiner weiteren Aufgaben ist der Verkauf von Dünger am Feld.

Learnings aus dem ersten Jahr

Die Übergabe an den nächsten Azubi-Jahrgang wurde verbessert, weil unsere vom Gründerjahrgang etwas holprig war. Wir sind noch mit dem ganzen Team im September gestartet (und nicht wie jetzt im November). So mussten wir uns innerhalb von vier Wochen einfinden und das Erntedankfest planen. Des Weiteren finden die Wiki (unser Austauschportal)-Schulung und die Vorstellung der Zahlen jetzt rechtzeitiger statt. Was noch besser laufen kann, ist die Kommunikation untereinander. Schnell versuchen die Teams, alles über E-Mail zu regeln und tragen dies nicht in Wiki ein. Sobald jemand aus dem Urlaub kommt, weiß er nicht, was in den vergangenen Wochen passiert ist und kommt nicht schnell auf den neuesten Stand.

Unternehmerisch denken

Uns wurde zu Beginn von Junges Gemüse gesagt, wir sollten einfach mal querdenken, alles hinterfragen und umdenken. Dies versuchen wir natürlich stetig. Zum Beispiel haben wir die Wasserversorgung in diesem Jahr auf vollautomatisch umgestellt. Vorher waren alle acht Container auf dem Feld verteilt und John musste diese immer einzeln mit dem Schlauch befüllen. In diesem Jahr wurde eine große Wasserstelle in der Mitte angelegt, wo die Gärtner nun Wasser ziehen können (kürzere Wege mit den Gießkannen). Ich selbst bekomme durch die Arbeit für Junges Gemüse Einblicke in alle Bereiche (Vertragsabwicklung, Kundenbetreuung, Rechnungswesen) und vernetze mich dadurch intern sehr gut, lerne selbstständiges Arbeiten (plane den Tag und die Termine selbst und kann selbst entscheiden), mache Erfahrungen im unternehmerischen Denken und erhalte mehr Prozessverständnis. Wir Azubis haben eine ,,Spielwiese“ zum Austesten, müssen Entscheidungen treffen und lernen, dafür gerade zu stehen, wir müssen Verantwortung übernehmen. Die Kommunikation wird verbessert und die Entscheidungsfindung fundierter. Bei Diskussionen im Team merkt man eine Veränderung: Kurz nach der Übergabe an unser Ausbildungsjahr haben wir alles abgesegnet, was jemand vorgeschlagen hat – nun wird erst diskutiert und überlegt, ob der Aufwand einen Mehrwert für den Kunden hat. Dadurch werden wir Azubis selbstbewusster und denken unternehmerischer: Durch unser neu gelerntes Querdenken können wir Verbesserungen in anderen Abteilungen erkennen. Selbstbewusst schlagen wir mögliche Veränderungen vor. Außerdem ist Junges Gemüse eine gute Werbung für die Ausbildung bei Agravis und steigert so das gute Image des Unternehmens.

Und wie geht es weiter?

Wir entwickeln unser Start-up stetig weiter. So haben wir uns im zweiten Jahr für eine neue Aufteilung der Beete entschieden, neue Gemüsesorten gepflanzt und die Bauwagen und die Wasserversorgung umgestellt. Erst einmal ist angedacht, dass Junges Gemüse fortgeführt und optimiert wird. Ebenfalls wird es in der dritten Saison eine zweite Beet-Größe geben, da wir festgestellt haben, dass die Kunden auch nach kleineren Gemüsebeeten fragen. Weitere Azubi-Projekte sind nicht am Start.

Checkliste Azubi-Start-up
Checkliste Azubi-Start-up

Autorin: Stephanie Detert hat ein Abitur im Bereich Wirtschaft und macht seit 2017 eine Ausbildung bei der AGRAVIS Raiffeisen AG zur Kauffrau im Groß- und Außenhandel und geprüften Wirtschaftsfachwirtin. Sie ist bei Junges Gemüse von März bis August 2019 in Vollzeit eingesetzt.

www.jungesgemuese.ms

Über die Agravis:

Die AGRAVIS Raiffeisen AG ist ein Agrarhandelsunternehmen in den Segmenten Agrarerzeugnisse, Tierernährung, Pflanzenbau und Agrartechnik. Sie agiert zudem in den Bereichen Energie und RaiffeisenMärkte einschließlich Baustoffhandlungen sowie im Projektbau. Die AGRAVIS-Gruppe beschäftigt mehr als 6.500 Mitarbeiter und 577 Auszubildende in 17 Ausbildungsberufen (Stand 31. Dezember 2018), die Ausbildungsquote beträgt knapp 9 %. Das Unternehmen ist an mehr als 400 Standorten überwiegend in Deutschland tätig.

https://ausbildung.agravis.de

Quelle: wirAUSBILDER Magazin, Heft 5/2019.

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